Das psychisch reife Mensch

 

 

     Das Menschenwesen ist die höchste und edelste Investition des Lebens, ein großartiger Augenblick des Evolutionsprozesses.

     Auf dem Weg zu dessen Gipfel durchläuft es verschiedenen Phasen, die ihm erlauben, eine physische Struktur zu seiner Reifung, seiner Individuation, wie Jung sagt, aufzubauen.

 

     Mit dem Erwachsenenalter soll es die Bedingungen erfüllen, um Verantwortung und existentielle Herausforderungen anzunehmen. Es ist indessen allgemein bekannt, dass die emotionale Entwicklung selten mit der physiologischen Schritt hält. Da damit ein Aspekt nicht kongruente mit dem anderen verläuft, führt dies zu inneren Konflikten. In einem solchen Fall verlängert sich die infantile Periode und dominiert. Sie zeichnet eine instabile, verwirrliche, depressive oder aggressive Persönlichkeit, die sich hinter verschiedenen störenden Mechanismen verbirgt.

 

     Der psychische Reifeprozess kann indessen mit einer langen Keimzeit verglichen werden, deren schmerzhafter Verlauf eine besondere Vollendung fördert.

 

     Abstammend von aggressiven, noch den Instinkten verhafteten Atavismen wächst das Wesen unter Zwängen, die in ihm die Notwendigkeit erwecken, die schlafenden Werte aufzubrechen, gleich dem Samen, der unter der drückenden Last des Erdbodens mit dem Zweck aufschwillt, den Pflanzenembryo zu befreien und mit der Zeit über sich hinauswachsen zu lassen.

 

     Druck ausübende, schwierige Faktoren der con den zwingenden Prozessen der Umwelt bereits Befreiten tragen immer dazu bei, dass sich die Zeit der psychologischen Unreife verlängert.

 

     Aus traditioneller Sichtweise sind es erbliche, psychosoziale und ökonomische Faktoren, die positiv oder negativ bei der psychischen Entwicklung mitwirken und meist zur Bewahrung des Unreife-Zustandes beitragen.

 

     Aufgrund der emotionalen und organischen Konstitution im infantilen Leben ist das Wesen egozentrisch, einem Tier gleich, das nicht unterscheidet, weil es glaubt, dass sich alles um sein Universum dreht. Es wird in der Folge herzlos, verliert gänzlich die noch unentwickelten Gefühle, drängt zu übertriebener Freiheit und zu launischen Verhaltensweisen.

 

     Ist diese erste Periode vorüber, vergöttert es sich selbst, häuft alles an, denkt nur an sich mit der ermüdenden Anstrengungen, sich zu vervollständigen und isoliert sich sozial von der Welt oder betrachtet andere Personen als Wegwerfware, die keinen Wert mehr hat, wenn sie nichts mehr nützt. Es ignoriert und verachtet sie dann gleich.

 

     In der Folge präsentiert sich der Mensch introvertiert, egoistisch, als Besitzer, der nichts verteilt, Dinge zurückhält und keinen inneren Frieden hat.

 

     Unreife äußert sich durch Festhalten an Konflikten.  Diese haben eine Verhaltensänderung zur Folge, befreien jedoch nicht von deren kausalen Zwängen, wie Frustration, moralische Unannehmlichkeit, andauernde Kind-Phase es sind. Und selbst wenn der Mensch erfüllt zu sein scheint, bleiben seine Reaktionen infantil, bar jeder Sensibilität, in der Qual der Ziellosigkeit.

 

     Für ihn bleibt der Lebenssinn abhängig vom engen Kreis der erworbenen Dinge und von den seiner Laune unterworfenen Personen. Er wird zu herzlosen Diktator, zum unerbittlichen Mörder, zu grausamen Richter. Die Abhängigkeit der Massen von ihm und der Individuen im besondern bereitet ihm ein morbides Vergnügen. Dabei befriedigt ihn eigener und fremder Schmerz auf masochistische Weise, was zur Degeneration seiner Gefühlswelt bis zum fatalen Schiffbruch führt…

 

     Gewiss tragen auch genetische Faktoren zur Entwicklung oder zum Ausbleiben der psychologischen Reife bei, wenn man die Erblasten bedenkt, wie die organisch Konstitution, die Hirnkammer, der Nerven- und Drüsen-Apparat, im besondern jener der endokrinen Sekretion, die sexuelle Konstitution.

 

     Wir können jedoch nicht die Vorherrschaft des biologischen Organisationsmodells ignorieren, den Perispirit, verantwortlich für die Harmonisierung der organischen Werkzeuge, deren sich der Geist für seinen Evolutionsprozess im vergänglichen Körper bedienen wird.

 

     Angesichts dessen ist jede Person die Summe überkommener Erfahrungen und ihr Verstand ist das gestaltende Vehikel, dessen sie für den Erleuchtungsprozess bedarf.

 

     Diese Auffassung, das Verständnis für diesen Faktor, ist relevant für jeden Vorschlag der transpersonalen Psychologie beim Studium der für alle menschlichen Phänomene geltenden Ursachen.

 

     Die alten, den Menschen betreffenden Paradigmen und Modelle weichen dem Konzept des Ahnenwesens samt der ganzen Chronik seiner Reinkarnationen, die sich für die Entwicklung des Tiefen-Ichs verantwortlich zeigen.

 

     Die angekündigte Abspaltung des Ichs vom Selbst wird gegenstandslos, wenn die Analyse des Perispirits darlegt, dass die Persönlichkeit sich aus der Erfahrung jeder Etappe ergibt, die Individualität jedoch die Summe aller Verwirklichungen in aufeinander folgender Wiederverkörperungen darstellt.

 

     Dank dieses Phänomens erscheinen die psychosozialen Drücke- Umwelt, Erziehung, Kämpfe und Aktivitäten – als auf die eine oder andere Weise formgebend bei der Realisierung oder Wiedererstellung der Lebensziele, dies aufgrund von Verdienst und Schuld, die sich jeder aufgeladen hat.

 

     Alle werden in den familiären und sozialen Kernen geboren oder wiedergeboren, deren sie für ihre Verbesserung bedürfen, und nicht, wie traditionellerweise behauptet wird, die sie verdienen.

 

     Die Bürden der Gene und Chromosomen, die psychosozialen und ökonomischen Bedingungen formen den Rahmen des Prozesses der moralisch-spirituellen Entwicklungsdispositive aktuellen Reinkarnationen.

 

     Dieses Faktum ist dominant für die Klärung der psychischen Unterschiede der Individuen, die sich selbst unter eineiigen Zwillingen als Folgen früheren Errungenschaften zeigen.

 

     Die psychologische Reifung nimmt aufgrund der Erfolge und Wiederholungen einen bewegten Lauf, um seinen sehr komplexen Rahmen in der menschlichen Individualität zu formen.

 

     Die erste Phase äußert sich als Gefühlsreifung, wenn das Wesen es nicht mehr zulässt, von atavistischen Phänomenen eingefangen zu werden und auszurasten. Dies ist das Verhängnis des Prozess, in dem es sich befindet.

 

     Aus einer empfänglichen, egoistischen, zutiefst verwirrlichen Position heraus ersteht die Notwendigkeit, zu wachsen und den Kreis der Freunde auszudehnen, entsprechend seiner Bedingtheit als Herdentier. So tauchen die ersten Rufe der Liebe aus.

 

     Auf diese Weise wächst das Zuwendungsgefühl, und das Menschenwesen versteht, dass der Narzissmus und der Egoismus nur zur Selbstzerstörung und Verwirrung führen.

 

     Die Liebe ist eine bezaubernd brennende Flamme, die zu einer Zeit, da sie mit Frieden genährt wird, angesichts des Energieaustauschs zwischen Liebendem und Geliebtem, Wärme und Licht anbietet.

 

     Es entwickelt sich eine Empathie, die das Wesen aus seinen primitiven Urgründen herausreißt und es in das immense Feld des Fortschritts führt, wo das Schenkungserlebnis bereichernd wirkt. In Selbstvergessenheit arbeitet die unablässige Erinnerung an seinen Nächsten.

 

     Wer danach strebt, geliebt zu werden, verbleibt in der Unreife, in einen infantilen, zwanghaften psychischen Abhängigkeit und Selbstvergötterung.

 

     Das Gefühlsleben ist das zentrale Schlachtfeld der verschiedenen Leidenschaften des Besitzens und Verzichtens, des Herrschens und der Entsagung und gibt Gelegenheit, das Schenken voll zu leben.

 

     In der Gefühlsreife strahlt das Wesen und wächst über sich hinaus.

 

     Der nächste Schritt ist die mentale Reife, dank der Erkenntnis, dass das leben reich und bedeutungsvoll ist und sein Sinn Unsterblichkeit bedeutet.

 

     Mit der Identifikation ändern sich die Interessen und die Landschaften klären sich unter der Sonne des Verstandes auf, der mit dem Glauben in den Menschen, in das leben, in Gott eins wird.

 

     Die mentale Reife, die mit der Emotion und mit der Erkenntnis, die die wesentlichen Werte der Lebensphilosophie zu unterscheiden weiß, erlangt wird, erweitert die Perspektiven der vollendenden Verwirklichung.

 

     Erst nach Erlangung der Gefühlsreife folgt die mentale. Man ist dann frei von Zwängen und emotionalen Pseudonotwendigkeiten.

 

     Der Sieg der Vernunft ist wichtig. Er macht sie zum ordnenden Prinzip, verantwortlich für die Ausbildung der Unterscheidungsfähigkeit, die die verschiedenen Errungenschaften des Intellektes zu vereinen weiß, auf dass das Wesen sein Denken richtig und in Eintracht mit seinem Gewissen nutze.

 

     Die Vernunft fördert die Überwindung des Phänomens der infantilen Illusion und Phantasie, verantwortliche für das innere Leiden an der Unbeständigkeit wie an allen Geschehnissen und hysisch gebundenen Wünschen.

 

     Der Verstand ist in seinem Kontext und in seiner Komplexität ein Ergebnis zweier Äußerung seiner Natur: des Intellekts und der Vernunft, wobei die zweite diskursiven, die erste intuitiven Charakter aufweist.

 

     Daraus folgend zwei Arten zu lernen, die das Denken und seinen rechten Gebrauch betreffen.

 

     Angemessenes Denken ist ein hohes Ziel. Nicht jeder Denkart ist korrekt, angesichts der Einwirkungen von Wünschen und vermeintlichen Notwendigkeiten. Die Konzentration auf wahre Ideale, verschieden von eingebildeten, führt zu korrektem Denken.

 

     ES gibt große Unterschiede in den Denkebenen. Sie sind Folgen intellektueller Errungenschaften.

 

     Für die Reifung ist Denken unerlässlich. Es trainiert den Verstand und erweitert die Unterscheidungsfähigkeit.

 

     Sofort meldet sich die Herausforderung einer moralischen Reifung, verantwortlich für die Überwindung der Instinkte, der drängenden groben Triebe.

 

     Die Wertskala bricht die Grenzen der restriktiven und interessegebundenen Konventionen auf, um sich auf die universellen, alten und ewigen ethischen Normen zu stützen, die ihr Fundament in Gott, in den Wesen, in der natur, im Individuum selbst haben. Das Wesen weiß, dass die Grenzen seiner persönlichen Freiheit dort liegen, wo es Andern Recht beginnt. Es erstrebt nichts für sich, was dieser empfangen möchte…

 

     Die moralische Reife befreit, um die Normen der Heuchelei und der Umstände, die die Entwicklung des Egoismus, der Eitelkeit, der Selbstherrlichkeit ermöglichen, zerschlagen.

 

     Diese moralische Verwirklichung ist dynamische und begeisternd. Sie erweitert die Möglichkeiten des ethischen, ästhetischen und spirituellen Wachstums des Wesens.

 

     Zwei moralische Empfindungen melden sich im Kontext der Reifung – ein konventioneller: er ist willkommnen, opportunistisch, oft amoralisch, gar unmoralisch, bestimmt durch die jeder Epoche, Zivilisation und Kultur eigene Konvention, und ein wahrhaftiger: er überschreitet die Gelegenheitsgrenzen und schwebt in allen Epochen über jeglicher Legitimation. Er findet sich im Dekalog (in den zehn Geboten) und in der Bergpredigt.

 

     Der Erwerb der moralischen Reife wird unausweichlich für die Selbstverwirklichung des Menschenwesens und der Gesellschaft als Ganzes.

 

     Ist diese Etappe überwunden, meldet sich ganz natürlich die soziale Reife, weil der psychische Mensch, der sich selbst erkennt und an sich arbeitet, in der Gruppe zum Harmonisierer wird. Er schließt zusammen, ist verständnisvoll, ein natürlicher Führer, der auf eigene Art Wohlbefinden und Lebensfreude fördert.

 

     Imperativ ist die psychologische Reifung, die natürlicher- oder notwendigerweise erwacht und sich im Evolutionsprozess einbaut.

 

     Das unreife, ehrgeizige, leidenschaftliche Wesen ist andauernd frustriert und irritiert. Es tötet sich selbst, weil die Bedeutung seines Lebens sich im verwirrten, endlichen Ego, in einem engen, ziellosen Zirkel erschöpft.

 

     Den egozentrischen Zustand überwinden, um sich sozial nützlich zu machen, charakterisiert den Bruch mit dem familiären Kreis der Kindheit und öffnet ihn der Gesellschaft, der großen Lebensschule.

 

     Das Individuum kann nicht ohne Beziehungen leben, ansonsten würde es sich selber fremd.

 

     Sein fortschritt resultiert aus den Kontakten mit der Natur, den Geschöpfen, aus seinen persönlichen zwischenmenschlichen Beziehungen, aber auch indem es, auf innere Freiheiten verzichtend, in der Gruppe seine Erfüllung findet.

 

     Mit einem im persönlichen Verhalten eingebauten Konflikt wird eine soziale Beziehung unmöglich. Unerlässlich sind reale Begegnungen und Gruppenerfahrungen, da sie einer heilsamen Anpassung und Lebensgemeinschaft mit andern Personen rufen.

 

     Wer sein individuelles Bewusstsein erlangt, überwindet die Gewalt, die Absonderung und integriert liebevoll und vernünftig die soziale Gruppe. Er bringt sie vorwärts und entwickelt sich mit jeder Tat weiter, wird reich an Verständnis, erfährt Brüderlichkeit, Liebe und Frieden.

 

     Der psychisch reife Mensche lebt eine unendliche Weite im Streben nach dem Guten, Schönen, Wahren und erreicht, dem Ego entgehend, das Selbst. Er wird zum integralen, idealen Menschen auf der Wanderung ins Unendliche.

 

 

Quelle:

Text aus dem Buch: „ Das Bewusste Wesen“ – Joanna de Ângelis – Psychographie von Divaldo Pereira Franco.