Das
Schicksal. Fatalismus und Determinismus
Es gibt
Menschen, die ein Verhängnis zu verfolgen scheint, was sie auch tun mögen.
Liegt das in ihrem Schicksal?
Es sind
vielleicht Prüfungen, denen sie sich unterziehen sollen und die sie sich selbst
gewählt haben. Oft setzt ihr dem Schicksal das auf die Rechnung, was Folge
eures eigenen Fehlers ist.
Manche
Personen entgehen einer tödlichen Gefahr nur, um wieder in eine andere zu
geraten, als sollten sie dem Tod nicht entrinnen können. Bedeutet das nicht ein
Verhängnis?
Vom
Verhängnis bestimmt ist im wahren Sinne des Wortes nur der Augenblick des
Todes. Ist dieser Moment gekommen, ganz gleich, durch was herbeigeführt, so
könnt ihr ihm euch nicht entziehen.
Es mag
also die uns bedrohende Gefahr noch so groß sein, wir sterben nicht, wenn
unsere Stunde noch nicht da ist?
Nein, du
kommst nicht um, und davon hast du Tausende von Beispielen. Ist aber die Stunde
gekommen, wo du von hinnen gehen sollst, wird dich nichts davor bewahren. Gott
weiß voraus, welchen Tod du erleiden wirst, und oft weiß es auch dein Geist,
denn das wird ihm geoffenbart, wenn er seine Wahl für die Inkarnation trifft.
Weiß der
Mensch, der einen Mord begeht, bei der Wahl seines Daseins, daß er ein Mörder
werden wird?
Nein. Er
weiß, dass, wenn er ein Leben voller Kampfe wählt, für ihn die Möglichkeit
bestehen kann, einen Menschen zu töten. Aber er weiß nicht, ob er es tun wird,
denn bevor ein Verbrechen begangen wird, findet fast immer eine Überlegung
statt.
Ihr
verwechselt immer zwei verschiedene Dinge, die materiellen Lebensereignisse und
die Handlungen des moralischen Lebens. Wenn zuweilen ein Verhängnis eintritt,
so liegt das in den materiellen Ereignissen, deren Ursache außer euch liegt und
die nicht von eurem Willen abhängen. Die Handlungen des moralischen Lebens
dagegen gehen stets vom Menschen selbst aus, der also hier immer Wahlfreiheit
ausübt. Für diese Handlungen gibt es somit nie ein Verhängnis.
Es gibt
Leute, denen nie etwas gelingt und die in allem, was sie unternehmen, ein böser
Geist zu verfolgen scheint. Darf man dies nicht ein Verhängnis nennen?
Wenn du es
so nennen willst, nenne es ein Verhängnis. Aber es beruht auf der Wahl der
Existenz, weil diese Menschen durch ein Leben der Enttäuschung geprüft werden
wollten, um ihre Geduld und Ergebung zu stärken. Unternähme der Mensch nur
Dinge, die im richtigen Verhältnis zu seinen Fähigkeiten stehen, würde ihm fast
alles gelingen. Was ihn ins Verderben stürzt, ist seine Eigenliebe und sein
Ehrgeiz. Sie bringen ihn vom rechten Wege ab, erwecken in ihm den Wunsch nach
Befriedigung seiner Leidenschaften, und das ist sein persönlicher Fehler.
Wenn es
Leute gibt, die das Schicksal gegen sich haben, so erscheinen wieder andere als
von ihm begünstigt, weil ihnen alles, was sie unternehmen, gelingt. Woran liegt
dies?
Oft daran,
dass sie sich besser zu benehmen wissen. Es kann auch eine Art von Prüfung
sein. Der Erfolg berauscht sie, sie vertrauen ihrem Glück, und oft bezahlen sie
dann diese Erfolge mit peinvollen Unglücksfällen, die sie hätten vermeiden
können.
Woher
kommt der Ausdruck „Unter einem
glücklichen Stern geboren sein“?
Ein alter
Aberglaube, der die Sterne mit dem Geschick der Menschen in Zusammenhang
brachte, ein bildlicher Ausdruck, der von gewissen Leuten buchstäblich genommen
wurde.
Das
Buch der Geister – Allan Kardec