MINDERWERTIGKEITSKOMPLEXE
In den Falten des individuellen
Unbewussten eines Menschen sind alle Geschehnisse registriert, die sich auf
vergangene Existenzen des im Evolutionsprozess befindlichen Geistes beziehen.
Seine Kämpfe und Ruhmestaten
prägen ihn ebenso wie die unveräußerlichen Siege über Leidenschaften, die ihn
charakterisieren und zu bedeutenden Erfolgen anregen.
Gleicherweise fixieren sich seine
Abstürze und Fehlschläge, seine unerledigten Verpflichtungen und Aufgaben im
empfindlichen Seinsfeld – nun verwandelt in Unausgeglichenheiten, die ihm in
der Folge unglückliche Bloßstellungen bescheren und ihm Hemmnisse in Form von Ungeschicklichkeiten
und Verstörtheiten hinterlassen - und verraten sich jetzt in den neuen Wachstumsmechanismen
als Konflikte und Komplexe. Wenn positiv, sind es Komplexe der
Überlegenheit, wenn negativ, solche der Minderwertigkeit. Im letzteren Fall
zeichnen sie ihn in schwerwiegender, quälender Form und treiben ihn zuweilen
gar in den Wahnsinn.
Wenn sich ein Überlegenheitskomplex
zeigt, ist die Verwirrung von kleinerem Ausmaß und kann mit einer geeigneten
Psychotherapie bearbeitet werden. Die Situation kann ohne große psychologische
Zermürbung bewältigt werden, weil das eigentliche Gebrechen angesichts der
existentiellen Geschehnisse und der täglichen Ereignisse leicht entdeckt wird.
Bei einem
Minderwertigkeitskomplex wiegt die Verwirrung schwerer und erscheint als
psychopathologische Manifestation, die eine sorgfältige Psychotherapie erheischt.
Die vorherrschenden Ursachen, die
sich in der spirituellen Vergangenheit vorfinden, tauchen jetzt wieder als
familiäre und soziale Faktoren auf, die
vieles zum Entstehen des Minderwertigkeitskomplexes beitragen, der
zahllose Individuen in ihrem Wesenskern heimsucht.
Die Mitglieder chaotischer und perverser Familien wählen üblicherweise jemanden
aus, an dem sie sich von der schweren Bürde ihrer Konflikte und
Missgeschicke entlasten können. Sie erarbeiten, zuweilen unbewusst, Verfolgungsmechanismen,
um ihn aus dem Kreis seiner Verwandten auszustoßen, und schleudern ihm
abschätzige Spitznamen nach als Zeichen systematischer Abneigung, besonders
gern, wenn es sich um einen Introvertierten handelt, der weder am
Geschrei noch am allgemeinen Durcheinander teilnimmt.
Verbleibt er in Gedanken
versunken oder schweigt, mangels Spontaneität oder aus Unfähigkeit zu
kommunizieren, fühlt er sich aufgestachelt und in seinen Gefühlen verletzt und
introjiziert die Angriffe ( er lässt sein Inneres verletzen). So entwickelt
sich in ihm allmählich ein Minderwertigkeitsgefühl. In anderen Fällen greifen
soziale Gruppen, Opfer des kollektiven Schattens, aufgrund schrecklicher
rassistischer, religiöser, politischer, ökonomischer Vorurteile jene an, die
sie nicht akzeptieren, und erwecken in ihnen den Mechanismus der Furcht
und Selbstbestrafung, die ihnen eine reale Unsicherheit in dieser feindlichen
Gesellschaft beschert, in der sie sich finden. Sie vermeiden sie und lassen
sich von der schmerzlichen Lage verwirren.
Auf diese Weise verbleibt der
Mensch durch die Lebensgesetze dem realen oder eingebildeten Hohn ausgesetzt.
Dies ist der Wiedergutmachungsprozess für praktizierte Missbräuche. Nun ist er
zur Selbstüberwindung eingeladen, unbesehen davon, dass das Realitätsverständnis
und die menschlichen Kriterien sich verändert haben, um in der Arbeit zum Sieg
der intellektuellen, moralischen und professionellen Werte voranzuschreiten.
Wenn er sich bemüht zu beweisen,
dass er würdig und arbeitsam ist, wird er in all seinen Unternehmungen, für die
er sich ereifert, erfolgreich und
brillant hervorragen. Mit einer großartigen Anstrengung erwirkt er sich Befreiung
von seiner psychischen Last, harmonisiert sich damit und erlangt
seine Individuation.
Für den Prozess der Individuation indessen genügt dies noch
nicht; denn es erweist sich als notwendig, die verschiedenen Funktionen des
Fühlens, der Sensualität, der Intuition und des Denkens gut auszuüben, um die
innere Harmonisierung zu erreichen.
Man möchte glauben, dass der introvertierte Typ am ehesten
intellektuellen Funktionen zu getan wäre und der extravertierte mehr den
sensuellen. Dies entspricht der Realität. Doch obwohl es einen gewissen Vorzug
für diese Funktionen in diesen Individuen gibt, werden sie an den andern
arbeiten, um zum Ziel ihrer Individuation zu gelangen. Es gibt eben
verschiedene Strassen, die mit Interesse und Sorgfalt befahren werden können
und müssen,
um das Ziel zu erreichen.
Ein spiritistischer Hinweis, diese
Frage betreffend, wird hilfreich sein für das Verständnis dieser Suche nach
Individuation oder Fülle. Aus dem allen gemeinsamen Unbewussten werden nämlich
nur jene charakteristischen Situationen jedes Seins hervorgeholt, die auch im
persönlichen Unbewussten als karmischer Inhalt verzeichnet sind und Korrektur
sowie nützliche Entfaltung erheischen.
Der introvertierte Typ leidet an
einer verwirrten Denkfunktion, die er für unwürdig hält zum Leben und zur
Nutzung der Segnungen am überquellenden
Tisch der Menschheit, die er als ungenügend und unbefriedigend erfährt.
Das Schuldbewusstsein, das ihn
betäubt, muss durch die Denkfunktion aufgehoben werden, indem den Ursachen
nachgespürt wird, die nicht leicht zu entdecken sind. Derart werden neue
Entwicklungsmöglichkeiten erworben, die Sicherheit anbieten und der Daseinsform
Seinswert verleihen.
Niemand wird auf Erden in die
Aktualität als blankes Tuch geboren, auf das künftige Geschehnisse registriert
werden. Das Selbst ist nicht nur ein Eignungs-Archetyp, sondern der Geist mit
tiefen Initialerfahrungen früherer Prozesse, in welchem sich die ersten
gültigen Anzeichen des inwendigen
Gottes entwickelten, Folge seiner göttlichen Abkunft seit seiner Erschaffung.
Es ist deshalb natürlich, das er Erbschaften, Atavismen (Rückfälle in alte
Verhaltensmuster), Erinnerungen im kollektiven wie im persönlichen Unbewussten
besitzt, wenn man den langen Werdegang seines Psychismus (seelischen
Energiefeldes) während des Jahrtausende währenden Entwicklungsprozesses
bedenkt. Erbe seiner selbst, ist das Selbst mehr als der Archetyp.
Es ist das eigentliche geistige Wesen, das der Wiege vorausgeht
und das Grab überlebt.
Mit diesem Konzept versteht man besser alle Mechanismen, Konflikte und Bestrebungen
nach Befreiung, die das denkende Wesen charakterisieren.
Quelle:
Persönlicher Triumph –
Joanna de Ângelis – Psychografie von Divaldo P. Franco