Der Bote der Liebe

 

 

   Man unterhielt sich darüber, dass auf der Erde die Gelehrten in der Mehrzahl seien, als Jesus sich bescheiden erhob und in seiner ruhigen Art sprach:

   - Vor vielen Jahren, als die Erde in einer unheilvollen Krise der Ignoranz und Perversität steckte, sandte der allmächtige Vater den Menschen einen Boten der Wissenschaft um ihnen die glorreiche Nachricht des ewigen Lebens zu überbringen. Dieser inkarnierte auf der Erde und als aufgeklärter Geist schaffte er es schnell als Lehrer eine gute Position zu bekommen. Sein ganzes Interesse und seine Begeisterung galten dem humanistischen Studium, der Geisteswissenschaft und er zog sich angewidert vor den, noch in Unkenntnis verbleibenden Menschen zurück. Er war der Meinung, er sei an der Spitze einer erleuchteten Vorhut, unerreichbar für den Verstand der einfachen Individuen.

   Gott sah die Unfähigkeit seines Gesandten, den Pflichten nachzukommen, die er in der himmlischen Sphäre übernommen hatte und, barmherzig sorgte er dafür, einen anderen Überbringer der guten Nachricht zur Erde zu schicken.

Dieser verwandelte sich nach einiger Zeit in einen Arzt, den alle Menschen bewunderten. Doch dieser neue Gesandte Gottes zog sich in ein Kämmerchen voller Heilkräuter und Elixiere zurück und behandelte ausschließlich wichtige Persönlichkeiten, die es ihm auch mit reichlichem Honorar dankten. Er behauptete, das gemeine Volk wäre zu knauserig und nicht beachtungswürdig.

   Nun entschied sich der gütige Vater, noch einen weiteren Botschafter hinunterzuschicken, der in kurzer Zeit ein kühner Krieger wurde; er betätigte meisterhaft das Schwert und schritt an der Seite von listigen, rachsüchtigen Männern. Die armen und einfachen Menschen interessierten ihn nicht und er erklärte, dass das Volk nur dazu da sei, die blutrünstigen Herrscher zu rühmen.

   Traurig über soviel Misserfolg sandte der Allmächtige einen anderen Boten aus, dieser wurde ein großer Künstler. Er verkehrte nur in reichen Häusern, in denen er seine Kompositionen vorführte, welche die Herzen der Menschen,

trunken vor scheinbarem Glück, höher schlagen ließ. Er versicherte, dass der „Pöbel“ kein Gefühl für seine Kunst hätte, die, wie er sich einbildete, für jene Zeiten zu sehr fortgeschritten war.

   Besorgt über das Versagen seiner Gesandten, verordnete nun der erhabene Vater, dass ein Bote der Liebe zur Erde hinabsteigen sollte.

   Dieser sah voller Mitleid auf das gesamte Geschehen. Erbarmte sich des Lehrers, des Arztes, des Kriegers und des Künstlers, so, wie ihn auch die Missgeschicke der Menschen und ihr  Barbarentum erschütterten. er entschied sich, im Namen Gottes zu arbeiten und verwandelte sich in einen Diener der Menschheit, handelte zum Wohle aller, stellte sich den Menschen gleich und  wusste ihre Fehler ohne Unterlass zu entschuldigen. Tausendmal wiederholte er seine Bemühungen und seine Lehren. Wurde er gedemütigt oder verfolgt, war es für ihn eine Herausforderung, seine Fähigkeit, das Gleichgewicht auf der Erde wieder herzustellen, zu verstärken; und er war dem Vater dankbar für das Vertrauen, ihn als Bote auf die Erde zu senden. Aus seiner unendlichen Liebe zu seinen irdischen Brüdern heraus, war er oft gezwungen zu beten und den Himmel um Hilfe anzuflehen; um Hilfe vor den Krallen der Verleumdungen und des Hohnes.

Jedoch fand er bei den erniedrigendsten Demonstrationen der Menschen den doppelten Ansporn, um sich noch heftiger für ihre moralische Besserung einzusetzen; für seine animalischen Mitmenschen, die noch nicht die Größe und die Herrlichkeit des gnädigen Vaters kannten, der ihnen das Leben schenkte.

   So geschah es, dass, indem er sich ganz klein machte, als der Letzte der Letzten, er es fertig brachte, das Licht des erneuernden Glaubens und der reinen Güte in den Herzen der menschlichen Kreaturen anzuzünden und sie in die höchsten Sphären zu heben. In seiner göttlichen Mission war er absoluter  Sieger.

 

   Jesus hielt einen Moment inne, eine tiefe Stille herrschte im Raum, dann  beendete er seine Worte mit liebevollem Nachdruck:

   - Kultur und Religiösität bedeuten Mächte, die vom geistlichen Ruhm nicht zu trennen sind. Mit den Flügeln der Weisheit und der Liebe haben die Engel die göttliche Sphäre erreicht; aber überall, an jedem Ort hat derjenige, der voller Liebe ist, den Vorrang vor dem, der einfach nur viel weiß.

 

 

 

Quelle: Jesus zu Hause – Neio Lúcio – Francisco C. Xavier