Ursache und Wirkung. Gesellschaftliche Probleme.

Die Prüfungen des Reichtums und des Elends. Göttliche Gerechtigkeit.

Die Nächstenliebe.

 

 

Die Ungleichheit der gesellschaftlichen Stellungen

 

Ist die Ungleichheit der gesellschaftlichen Stellungen und Verhältnisse ein Naturgesetz?

"Nein, kein Natur Gesetz, sondern das Werk der Menschen. 

 

Wird diese Ungleichheit einst verschwinden?

Nur die Gesetze Gottes sind ewig.  Diese Ungleichheit wird mit der Herrschaft des Hochmutes und Eigennutzes verschwinden.  Der Tag wird kommen, wo alle Glieder der großen Familie der Gotteskinder sich als gleich ansehen werden."

 

Was ist von denen zu halten, die ihre höhere soziale Stellung Schwachen gegenüber missbrauchen?

"Auch an sie wird die Reihe kommen, unterdrückt zu werden, und sie werden zu einem Dasein wiedergeboren werden, in dem sie alles, was sie erdulden ließen, selbst erdulden werden."

 

Die Ungleichheit des Besitzes

 

Hat die Ungleichheit des Besitzes nicht ihre Quelle in der Ungleichheit der Fähigkeiten, wodurch dem einen mehr Mittel zum Erwerb zufallen als dem andern?

"Ja und nein.  Denke an die Arglist und den Diebstahl, was meinst du dazu?

 

Ererbter Reichtum ist doch nicht die Frucht schlechter Leidenschaften?

Woher weißt du das?  Gehe an die Quelle und sieh, ob sie immer rein ist. Weißt du, ob er nicht ursprünglich die Frucht einer Beraubung oder Ungerechtigkeit gewesen ist?  Meinst du, dass nicht auch die Lüsternheit nach den Gütern selbst, das heimliche Sehnen, schnell in ihren Besitz zu gelangen, unlöbliche Gefühle sind? Das ist es, was Gott richtet."

 

Wenn ein Vermögen ursprünglich übel erworben wurde, sind dann die Erben dafür verantwortlich?

"Sie sind natürlich nicht für die Taten anderer verantwortlich, um so weniger, als sie dies vielleicht gar nicht einmal wissen.  Aber bedenke, dass ein Vermögen einem Menschen oftmals zufällt, nur damit er Gelegenheit hat, eine Ungerechtigkeit wieder gutzumachen.  Wohl ihm, wenn er das einsieht!'

 

Man kann in einer mehr oder weniger billigen Weise über seine Güter verfügen.  Ist man nach seinem Tode für die getroffenen Verfügungen verantwortlich?

"Jede Handlung trägt ihre Früchte.  Die der guten Handlungen sind süß, die der andern sind immer bitter.  Immer, wisset es wohl!"

 

Ist eine bedingte Gleichheit des Reichtums überhaupt möglich und hat eine solche jemals bestanden? 

"Nein, sie ist nicht möglich.  Die Verschiedenheit der Fähigkeiten und der Charakter widerstreitet dem."

 

Aber es gibt doch Menschen, die da meinen, hierin liege die Arznei für die übel der Gesellschaft?

,Das sind Systematiker oder neidische Ehrgeizige.  Sie sehen nicht ein, dass ihre geträumte Gleichheit sehr bald durch die Macht der Dinge würde aufgehoben werden."

 

Wenn die Gleichheit des Reichtums nicht möglich ist, verhält es sich dann ebenso mit der des Wohlergehens?

,Nein, aber letzteres ist relativ, und jeder könnte seiner teilhaftig werden, wenn man sich recht verstände.  Das wahre Wohlergehen besteht darin, dass man seine Zeit nach seinem eigenen Geschmack anwenden kann und nicht zu Arbeiten gezwungen wird, daran er keinen Gefallen hat.  Aber der Mensch will das überall vorhandene Gleichgewicht eben stören."

 

Es gibt Leute, die durch ihre eigenen Fehler in Not und Entbehrung geraten.  Kann dafür die Gesellschaft verantwortlich sein?

,Gewiss, wir sagten schon einmal, gerade die Gesellschaft ist oft die erste Ursache solcher Fehler.  Und hat sie übrigens nicht über die moralische Erziehung zu wachen?  Oft ist es die schlechte Erziehung, welche ihr Urteil fälschte, statt die schädlichen Neigungen bei ihnen im Keime zu ersticken."

 

Die Prüfungen des Reichtums und des Elends

 

Warum gab Gott dem einen Reichtum und Macht, und dem andern Armut und Elend?

,Um einen jeden auf verschiedene Weise zu prüfen.  Übrigens waren es die Geister selbst, die das eine oder andere wählten.  Oft unterliegen sie dann.'

 

Welche der beiden Prüfungen ist für den Menschen mehr zu fürchten, die des Unglücks oder die des Glückes?

.Beide sind gleich sehr zu fürchten.  Das Elend reizt zum Murren gegen die Vorsehung, Glück und Reichtum zu allen Ausschweifungen.'

 

Wenn der Reiche mehr Versuchungen hat, besitzt er nicht auch    mehr Mittel, das Gute zu tun?

,Das eben tut er ja nicht immer.  Er wird eigennützig, hochmütig, unersättlich.  Seine Bedürfnisse wachsen mit seinem Reichtum, und nie glaubt er, für sich allein genug zu haben."

 

Reichtum und Macht lassen alle Leidenschaften entstehen, die uns an den Stoff fesseln und von der geistigen Vervollkommnung entfernen.  Darum sprach Jesus: Ein Kamel wird leichter durch ein Nadelöhr gehen, als dass ein Reicher in den Himmel kommt.'

 

Die Gesetze der Gerechtigkeit

 

Liegt das Gefühl der Gerechtigkeit in der Natur, oder ist es eine Folge erworbener Ideen?

,Es liegt so sehr in eurer Natur, dass ihr euch bei dem Gedanken einer Ungerechtigkeit empört.  Der sittliche Fortschritt entwickelt dieses Gefühl, aber er verleiht es nicht.  Gott legte es in des Menschen Herz.  Daher findet ihr oft bei einfachen und ursprünglichen Menschen reinere Anschauungen von der Gerechtigkeit als bei denen mit viel Wissen."

 

Wenn die Gerechtigkeit ein Naturgesetz ist, wie kommt es dann, dass sie die Menschen so verschieden verstehen und dass der eine gerecht findet, was dem andern ungerecht erscheint?

,Weil sich oft Leidenschaften hineinmischen, die dieses Gefühl wie die meisten andern natürlichen Gefühle verunreinigen.'

 

Wie lässt sich die Gerechtigkeit definieren?

.Sie ist die Achtung vor den Rechten eines jeden Menschen.'

 

Wodurch werden diese Rechte begründet?

,Durch das menschliche und durch das natürliche Gesetz.  Indem die Menschen Gesetze erließen, die ihren Sitten und ihrem Charakter entsprachen, begründeten sie Rechte, die sich mit dem Fortschritt der Bildung ändern könnten.  Das von den Menschen eingeführtes Recht entspricht also nicht immer der Gerechtigkeit."

 

Welches ist außerhalb des durch Menschengesetz begründeten Rechtes die Grundlage der auf dem Naturgesetz beruhender Gerechtigkeit?

Christus sagte es euch: Für die andern das wollen, was ihr für, euch selbst wollen würdet.  Gott legte in den Menschen Herz die Regel für jede wahre Gerechtigkeit, mit dem in jedem Menschen lebenden Wunsche, seine Rechte geachtet zu sehen.  Er konnte ihm keinen sichereren Führer geben als sein eigenes Gewissen.'

 

Führt die Notwendigkeit, in Gesellschaft zu leben, für den Menschen besondere Verpflichtungen herbei?

.Ja, und die erste von allen ist, die Rechte anderer zu achten.  Wer dies tut, wird stets gerecht sein.'

 

Da sich der Mensch über den Umfang seines Rechtes täuschen kann, wer lernt ihn seine Grenzen kennen?

,Die Grenze des Rechtes, die er seinem Nächsten im Hinblick auf sich selbst unter den gleichen Umständen zuerkennt.'

 

Nächstenliebe

 

Was ist der wahre Sinn des Wortes Nächstenliebe oder Menschenliebe, wie Jesus es verstand?

,Wohlwollen gegen jedermann, Nachsicht gegen die Unvollkommenheit anderer, Verzeihung der Kränkungen und Beleidigungen.'

 

 

 

Erfahrungen

 

Ein kleiner Junge, der zerrissene Kleider trug, starrte mit seinen süßen Augen auf die Kuchen im Schaufenster einer Bäckerei.

Ein gutgekleideter Mann kam vorbei und der Junge bat ihn, ihm ein Stück Kuchen zu kaufen. Der Mann wies ihn jedoch schroff ab und ging weiter.

Eine Dame kam daher. Der Junge bat auch sie um ein Stück Kuchen, aber auch sie lehnte ab und sagte, dass sie herumstreunenden Kindern nichts gibt.

Es kam ein zerlumpter Mann daher, dessen Blick die traurigen Augen des Jungen traf, der allerdings nichts von dem Mann erbat.

Der alte Mann hatte aber Mitleid mit dem armen Jungen, suchte in seiner zerrissenen Jacke nach ein paar Pfennigen und kaufte ihm ein Stück Kuchen.

Lächelnd bot er es dem überraschten Jungen an, der sich bedankte und es mit Freude aß.

 

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Die Gerechtigkeit der Inkarnation ermöglicht uns Erfahrungen in allen verschieden Gesellschaftsschichten zu machen, um verschiedene Situationen zu erleben, die uns dazu verhelfen, andere besser zu verstehen und zu akzeptieren.

 

Wenn das Leben uns Schwierigkeiten präsentiert, sollen wir nicht hadern, eher sollten wir dankbar sein, dass wir durch harte Erfahrungen lernen können, was die Leute quält und wie sie sich fühlen.

 

So erwecken wir auch in uns das Gefühl, das uns dazu bringt, anderen zu helfen und dadurch erst verdienen wir es, dass auch uns eines Tages geholfen wird.

 

 

Quelle:

 

Das Buch der Geister – Allan Kardec

Selig die Einfache – Valérium/Waldo Vieira.